
Die Lebensläufe der Bach-Brüder sind geprägt von einer Zeit der musikalischen wie gesellschaftlichen Umbrüche: Ein neues künstlerisch-politisches Selbstverständnis bahnt sich an, zugleich werden schon in den letzten Lebensjahrzehnten des Vaters die musikalischen Gestaltungskonventionen immer weiter verändert. Allmählich nähert sich die Welt der Wiener Klassik Hand in Hand mit großen Revolutionen verschiedener Art. In den unterschiedlichen Musikkulturen der Zeit behaupten sich besonders vier Bach-Geschwister: Dank der väterlichen Schule, aber auch dank individueller Schaffensansätze ist ihnen ein breites Renommee und mitunter ein Nachhall bis weit über das Jahrhundert hinaus vergönnt.

Wilhelm Friedemann, der Älteste der vier Brüder, wird häufig als ebenso schwieriger wie musikalisch exzellenter Lieblingssohn seines Vaters eingestuft. In seiner Dresdener Stelle als Organist der Sophienkirche verfasst er zahlreiche Instrumentalmusiken. Daraufhin wechselt er 1746 ohne Probespiel (der Ruf als Organist eilt ihm voraus) zur St. Marienkirche in Halle/Saale. Das Gehalt wächst, ebenso die Arbeitsbelastung: Während er den Gemeindegesang vertraglich nur „langsam ohne sonderbares coloriren“ begleiten soll, ist auch das Leiten größerer Vokalmusiken in den drei Hauptkirchen Teil der Stelle. Für den resultierenden Kompositionsbedarf verfasst er etwa zwanzig Kirchenkantaten, daneben gastiert er gelegentlich in Leipzig als Virtuose im Konzertsaal bei den „drey Schwanen“. Da Bewerbungen um andere Stellen scheitern oder selbst ausgeschlagen werden, bittet er 1764 ohne Alternativstelle um seine Entlassung aus der vermutlich belastenden, gelegentlich diskussionsreichen Stelle in Halle. Er findet trotz seiner Fähigkeiten nie wieder zu einer festen Anstellung und richtet sein Schaffen nun ganz auf das Unterrichten sowie das Konzertieren aus.
Größere Erfolge bietet ihm Berlin, wo er 1774 mindestens sechs Orgelkonzerte mit höchst positivem Rückhall gibt: „Alles was die Empfindung berauscht, Neuheit der Gedanken, frappante Ausweichungen, dissonirende Sätze, die endlich in einer Graunischen Harmonie starben – Force, Delicatesse, kurz dieses alles vereinigte sich unter den Fingern dieses Meisters“, so heißt es in den Berlinischen Nachrichten im Mai. Trotz des enormen Rufs als Organist komponierte er für dieses Instrument wenig – die wenigen Stücke, so der Zeitgenosse C. F. D. Schubart, seien „kostbarer und seltener als Gold“. Seine empfindsamen, hochspannenden Polonaisen sind zwar ebenso wie die Fugen noch jahrzehntelang nach seinem Tod 1784 im Umlauf, doch trotz der Bemühungen kommen sie nicht in den Druck. Im Kontrast zu den eher traditionellen kirchlichen Vokalmusiken sind auch seine zehn überlieferten Fantasien vielfältig gearbeitet und halten zahllose überraschende Wendungen bereit.

Carl Philipp Emanuel, der Zweitälteste, legt einen ausgesprochen langen und früchtetragenden Schaffensweg hin, der zunächst ganz ‚gewöhnlich‘ im väterlichen Unterricht wurzelt – wie seine Brüder erlernt er hier Klavierspiel sowie Komposition und leistet verschiedene musikalische Hilfsarbeiten. Der gelernte Jurist geht 1738 nach Berlin – ursprünglich sollte er eine Kavalierstour begleiten, doch auf einen Ruf Friedrichs II. folgt seine fast drei Jahrzehnte währende Anstellung als Cembalist der Hofkapelle, in deren Rahmen er seinen ersten Instrumentalkompositionen zahlreiche weitere Stücke folgen lässt. 1742-44 erscheinen die Preußischen und Württembergischen Sonaten, welche den jungen Joseph Haydn mit ihren überraschenden Wendungen sowie ihren musikalischen Pointen intensiv beeinflussen werden.
Immer wieder fährt Emanuel Bach Erfolge mit Druckwerken ein, verfasst neben Claviermusik auch Lieder, Kammermusiken sowie die Clavierschule (1753). Als 1767 der Pate G. Ph. Telemann stirbt, wird der „große Bach“ nach bestandenem Probespiel sein Nachfolger als Musikdirektor der Hamburger Hauptkirchen. Nun entstehen einflussreiche Kirchenkompositionen, darunter bis 1789 jährlich eine neue Passion mit eigenen Arien. Besonders die Oratorien (1769 und 1774) sowie das raffinierte Doppelchörige Heilig zu Michaelis 1776 erregen Aufsehen. In dem offenen Haus, das Bach in Hamburg wie zuvor schon in Berlin führt, verkehren viele Vordenker der Kunst- und Literaturwelt.
Der schon früh sehr unabhängige Carl Philpp Emanuel Bach arbeitet kompositorisch dicht mit melodisch- rhythmischen Motiven, zeichnet Kontraste auf engstem Raum und wird bald als Experimentator sowie als kühner Erneuerer angesehen. Er entfernt sich deutlich vom traditionellen Denken im Generalbass einerseits sowie von der zeitgenössischen italienischen Schreibweise andererseits, kennt und verwendet beide aber gezielt Hand in Hand mit den jüngsten Neuerungen – beispielsweise mit kunstvollen Pausen, lombardischen Rhythmen oder Synkopierungen. Die immense Vielfalt und der Einfallsreichtum seines Schaffens inspirieren noch den jungen Mozart sowie Beethoven, die seine Stücke rege studieren.

Johann Christoph Friedrich ist unmittelbarer Zeitgenosse Haydns; als Einziger erlebt er noch die Erschütterungen und Hoffnungen der Französischen Revolution. Um den Tod des Vaters herum wird der erst siebzehnjährige Virtuose in Bückeburg Hofcembalist, wo er 1759 zum Leiter der Kapelle avanciert. Unter der neuen Gräfin M. B. E. zur Lippe-Biesterfeld (ab 1765) entstehen geistliche Oratorien, für die er von 1771 an einige Jahre lang auf einen vorwärtsgewandten, produktiven Kooperationspartner zählt: Der neue höfische Konsistorialrat Johann Gottfried Herder verfasst Libretti, dank derer sich der Bückeburger Bach ebenso wie Carl Philipp Emanuel Bach im neuen empfindsamen Oratorienstil üben kann. Es entstehen beispielsweise Die Kindheit Jesu BR D 5 sowie Der Fremdling auf Golgatha BR D 7, außerdem einfach gehaltene geistliche Lieder für die Sammlungen des Pastors Balthasar Münter.
Drei Monate lang besucht er seinen jüngeren Bruder J. C. Bach 1778 in London, wo dieser Konzerte am Puls der Zeit veranstaltet. Der Aufenthalt samt der Gelegenheit, Mozart sowie Gluck zu rezipieren, beeinflusst seinen Instrumentalstil merklich zum Klassisch-Kantablen hin und verschafft ihm ein Hammerklavier, das in folgende Kompositionen einfließt. Schon an den sehr modern gesetzten Drey leichten Sonaten (in London entstanden) lässt sich die Veränderung verfolgen: Immer weiter entfernen sich die Kompositionen vom anfänglichen italienischen Stil und treten an Haydn sowie die Wiener Klassik heran, so beispielsweise das Klavierkonzert Es-Dur BR C 43 (1792).

Binnen kurzer Zeit avanciert der Jüngste, Johann Christian vom Nesthäkchen zum Paradiesvogel unter den Bach-Brüdern: Einzig er tut sich als freier reisender Komponist im unsteten Metier der öffentlichen Oper hervor. Der sechste Sohn ist erst 14 Jahre alt, als er den Vater verliert – nun nimmt ihn der ältere Bruder C. P. E. Bach bei sich auf und gibt ihm vermutlich weiteren Unterricht. Um 1755 zieht der knapp Zwanzigjährige nach Mailand, wo er unter dem Grafen Agostino Litta komponieren, auftreten sowie sich im traditionellen Kirchenstil weiterbilden kann. 1760 wird der konvertierte Katholik Organist am Mailänder Dom. Zugleich schreibt er die Oper Artaserse für das Turiner Teatro Regio, es folgen bis 1762 zwei weitere Opern für Neapel und eine Einladung, für das Londoner King’s Theatre ebenfalls zwei Opern zu komponieren. Der 26-jährige verfasst in England zunächst Pasticci, dann 1763-1767 vier vollständig eigene Opern, die ihn zeitweilig zu einem Star der Londoner Szene machen. Schon in Turin hatte er sich mit plastischen, unmittelbaren Konversationen zwischen Orchester und Sängern bewiesen – nun tut er sich auch durch reiche, differenzierte Instrumentation, ausdrucksvolle Rezitative sowie passgenaue Vokalkompositionen hervor, wie in der Presse voll Begeisterung vermerkt wird. Als Lehrer der englischen Königin Sophie-Charlotte macht er das Pianoforte am Hof bekannt, rezipiert und komponiert in London allerneueste Musik, berühmt ist auch die Anekdote seines Improvisierens zusammen mit dem achtjährigen Mozart im Jahr 1764. Subskribentenreiche Instrumentalauftritte veranlassen ihn sogar zum Bau eines Konzertsaals. Obwohl die Pariser Uraufführung seiner Tragédie lyrique Amadis de Gaule 1779 erfolgreich ist – auch Marie- Antoinette und ihr Hofstaat besuchen das Stück des mittlerweile weithin bekannten Bach-Bruders – bleibt Johann Christian in London, wo er als erfolgreicher Instrumentalkomponist mit Klavierkonzerten sowie mit konzertanten Sinfonien hervortritt. Für den jungen Mozart bleibt es indes nicht beim gemeinsamen Muszieren: Er studiert die Stücke des Londoner Bachs sehr eifrig und sieht ihn als bedeutendes Vorbild an – verfolgbar ist dies beispielsweise an der D-Dur-Sinfonie KV 19. Als Johann Christian 1782 noch nicht fünfzigjährig stirbt, schreibt Mozart an seinen Vater: „Sie werden wohl schon wissen daß der Engländer Bach gestorben ist? – schade für die Musikalische Welt!“.